Archiv der Kategorie: Allgemein

Offenes Ende

27. 04. 2017

Offenes Ende

In meinem »English Film and Conversation Club« sahen wir zuletzt »Before Sunset«. Nach dem Film schwelgen die meisten der anwesenden Damen in Überlegungen, ob July Delpy und Ethan Hawke, die sich zufällig in Paris wiedertrafen, neun Jahre nach einer verzauberten Nacht, ob sie sich nun endlich bekommen werden, obwohl das Taxi, das Ethan, alias Jesse, zum Flugzeug zurück nach Amerika bringen soll, schon längst vor dem Haus bereitsteht. Alle hoffen, daß die beiden nun die Entscheidung für ein gemeinsames Leben in der Dachwohnung treffen werden. Der Mann in der Runde wirft die Frage auf, ob der Taxifahrer wohl immer noch unten warten muß.

( titanic  feb ’17 )

Text Jährliches Ritual

18. 04. 2017

Jährliches Ritual

Ein Mann von den Stadtwerken klingelt, er möchte die Stromzähler ablesen. Wenn ich die Tür des Wandschranks öffne, in dem die Zähler hängen, erwartet mich jedes Jahr ein Schauerbild. Die Zähler surren hinter Schwaden von Spinnweben, abgeplatzter Wandfarbe und Staub vor sich hin. »Oh, da müßte man aber unbedingt mal staubsaugen!« sage ich jedes Jahr peinlich berührt und blicke in ein Gesicht, das jeden Ausdruck verweigert.Ich vermute, der wichtigste Teil der Stromableserschulung ist das Seminar »Wie reagieren auf Schlampigkeits-Selbstbezichtigungen«. Dort lernt man, wie wichtig es ist, niemals auf so einen Ausruf einzugehen. Abwiegelnde Bemerkungen wie »Ach, das bißchen Staub!« kämen einer leicht zu durchschauenden Lüge gleich. Beipflichtende Kommentare wie »Das kann man wohl sagen!« führen schnell zu Beschwerden. Ein hartes Rollenspieltraining muß also absolviert werden, bis man sich jede Antwort und jedes überspielende Hüsteln verkneifen kann. Nur die wenigsten schaffen die Abschlußprüfung dieses Lehrgangs. Mein Ableser jedenfalls ist ein Meister der Reaktionslosigkeit, geschäftig notiert er die Zahlen. Wir führen noch zwei Sätze Konversation, während ich den Schrank schließe und ihn zur Tür begleite. Den Staub habe ich da schon vergessen, bis der Mann von den Stadtwerken im nächsten Jahr wieder klingeln wird.

( titanic  dez ’15 )

Stalingrad

30. 03. 2017

Stalingrad

Wenn man als Cartoonistin gefragt wird, ob man schon mal einen Shitstorm erlebt hat, klingt das wie „Haben Sie gedient?“. Es wäre dann günstig, wenn man einen leeren Kriegsversehrten-Ärmel vorweisen könnte.

Text Appell

23. 03. 2017

Appell

Mit ein wenig gegenseitiger Rücksicht sollte doch ein friedliches Nebeneinander von Radfahrern und Fußgängern möglich sein. Ich zum Beispiel wechsle mühelos zwischen den Lagern. Das eine Mal klingele ich mit meiner Schlaghebelglocke beherzt die Spaziergänger zur Seite, das andere Mal mache ich keinen Platz und belehre die Radler, daß dies ein Gehweg ist.

( titanic  nov ’16 )

Text Miezeleaks

09. 03. 2017

Miezeleaks

Eines ist klar: Der Mensch verbraucht viel zuviel Energie. Doch noch niemand hat ausgerechnet, wie viele Kilowattstunden davon auf das Konto von verschwenderischen Haustieren gehen, zum Beispiel von Katzen, die auf der Schwelle der für sie geöffneten Haustür sitzen bleiben und sich nicht drängen lassen bei ihren Überlegungen, ob sie wirklich in die Kälte hinaus oder im geheizten Haus bleiben wollen.

( titanic  aug ’16 )

Text Mütze

27. 02. 2017

Frostig

Eine Mütze wirkt bei mir wie eine Tarnkappe. Freunde und Bekannte, die mich sonst offenbar nur anhand der Haare identifizieren, reagieren auf mich zuerst entgeistert und grüßen reserviert zurück. Ich komme mir dann immer vor wie eine Grußerschleicherin..

( titanic  mai ’16 )

Text Kellner

14. 02. 2017

Überrumpelt

Es gibt nette Kellner und auch recht garstige. In einem scheinbar gutbürgerlichen Restaurant ließ der Ober meine Begleitung und mich erstmal geraume Zeit warten. Dann kam er missgelaunt an unseren Tisch, schob mir den nassen Lappen über den Tisch und forderte mich auf, zu wischen, seine Arme wären zu kurz. Bis heute frage ich mich, warum ich das dann auch noch tat.

( titanic  dez ’16 )

Text Zugbegleiterin

05. 02. 2017

Das wichtigste Einstellungskriterium für Zugbegleiterinnen ist Geduld:
„Kann ich damit nachher auch in der Straßenbahn fahren?“
„Ja.“
„…oder muss ich dann extra lösen?“
„Nein.“
„Ich will schließlich nicht schwarzfahren.“
„Ja…nein.“
usw…